Alljährlich Mitte November dasselbe Spiel: Unzählige Menschen versammeln sich an Kriegsgräberstätten und Denkmälern in der gesamten Bundesrepublik und gedenken der Opfer der Kriege, primär natürlich der deutschen Soldaten. Denn, obwohl er seit 1953 in Deutschland als Gedenktag der Opfer der beiden Weltkriege, aber vor allem auch der Opfer des Nationalsozialismus gewidmet ist, werden diese allzu gerne außen vor gelassen und sich lieber mit den „pflichtbewussten, nur Befehle ausführenden“ Soldaten beschäftigt. Ebenfalls im kollektiven Trauergetümmel: Neonazis. Denn wo es um die Verharmlosung von Mördern und Alt-Nazis geht, sind sie natürlich nicht weit. Dann wird die Geschichte verdreht, werden Morde relativiert und Opferrollen vertauscht.
Ein Blick in die Geschichte zeigt, in welchem Kontext der Tag zu sehen ist. Denn auch ohne neonazistische Aktivitäten ist er höchst fragwürdig. So wurde ein Gedenktag vom „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. (VDK)“ zu Ehren der gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges vorgeschlagen, verbunden mit der Forderung nach einem völkischen Bewusstsein, das alle Deutschen, unabhängig von ihrer sozialen Stellung, zum Kollektiv vereinen soll.
Der Volkstrauertag, während der NS-Zeit „Heldengedenktag“ genannt, wird seit Jahren von Neonazis im Sinne ihrer Ideologie interpretiert, um ihrem geschichtsrevisionistischem Gedankengut freien Lauf zu lassen und Soldaten der Wehrmacht und Waffen-SS zu glorifizieren. Dies tun sie, wie so oft, besonders gern im szenetypischen Fackelschein und mit Liedern wie dem Deutschlandlied, welches selbstverständlich in allen Strophen zum Besten gegeben wird, oder der Militärballade „Ich hatt‘ einen Kameraden“.
Wie jedes Jahr, hat es auch dieses Jahr unzählige revisionistische Gedenken um den Volkstrauertag gegeben. So sind in München bereits am 14.11. Neonazis aufmarschiert, um Mördern nach zu trauern, denen eigentlich niemand eine Träne hinter her weinen sollte.
Wie in München inzwischen zur Regel geworden, fuhr die bayrische Polizei wieder alles auf, was für den polizeistaatsähnlichen Zustand nötig ist. So wurden Taschen schon vor Beginn der Gegendemonstration durchsucht, war die Nazi-Route weiträumig abgesperrt und jedeR wurde brutal angegangen, der_die nicht der Polizeiwillkür gehorchen wollte. Trotzdem ließen sich rund 700 autonome AntifaschistInnen nicht einschüchtern und zeigten mit einer Gegendemonstration lautstark, was sie von dieser widerlichen Veranstaltung halten.
Als nach stundenlanger Verspätung die Nazis endlich im Stande waren einen Lauti aufzutreiben, der, durch antifaschistische Intervention und Unvermögen seitens der Nazis, blockiert wurde, wurden sie schon nach wenigen hundert Metern von AntifaschistInnen mit allerlei fliegenden Gegenständen begrüßt, was zu einem schüchtern-ängstlichen Sprint seitens der „Trauernden“ führte.
Aber auch in der Ulmer und Neu-Ulmer Region sind Neonazis aus dem Ag-Schwaben- und JN-Umfeld jedes Jahr aktiv. Dabei waren vor allem die Kriegsgräberstätten und Denkmäler in Reutti bei Neu-Ulm und Gerstetten Schauplatz rechter Aktivitäten. An letzterem wurden seit Jahren regelmäßig von Neonazis, überwiegend aus dem Alb-Donau-Kreis und dem Kreis Heidenheim, Kundgebungen abgehalten. Auch dort wurde das Gegröle und Getrauere, natürlich nach dem historischen Vorbild, mit Fackeln und Liedchen zelebriert. Jedoch mieden sie Gerstetten dieses Jahr und waren nicht anzutreffen.
In Reutti wurde vor ein paar Jahren sogar ein “Trauermarsch” mit Trommeln und Fahnen einstudiert. Ähnliche Szenarien sind nun jedoch, durch die Änderung der Satzung der Kriegsgräberstätte, verboten. Leider führte diese Änderung nicht zu dem erhofften Ziel, denn auch dieses Jahr kamen 25-30 Neonazis nach Reutti.
Die Antifaschistische Aktion Ulm/Neu-Ulm hingegen legte ihrerseits einen Kranz nieder, um nicht irgendwelchen mordenden Soldaten und Nazis, sondern ausdrücklich der Opfer des Nazi-Regimes zu gedenken.
Gedenkt der wahren Opfer, nicht der Täter!
Gegen die Verharmlosung und Rehabilitierung der Mörder des NS-Regimes!
Gegen kollektives, nationalistisches Geheule um Soldaten!
Nie wieder Deutschland!
Janine Wiesengrund
Sprecherin der Antifaschistischen Aktion Ulm/Neu-Ulm, November 2009